Die KI schreibt, ein Unternehmen arbeite kontinuierlich daran, seinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Klingt gut. Nur weiß sie nicht, was das Unternehmen tatsächlich unternimmt.
Das Problem vieler KI-generierter Nachhaltigkeitstexte sind nicht ihre sprachlichen Schwächen. Im Gegenteil: Gerade weil sie so professionell klingen, fallen inhaltliche Ungenauigkeiten oft erst auf den zweiten Blick auf. Aus einzelnen Maßnahmen werden umfassende Nachhaltigkeitsleistungen. Und manchmal entstehen Behauptungen, die niemand im Unternehmen aufgestellt hat.
Ein Nachhaltigkeitstext aus der KI
Nehmen wir einen mittelständischen Verpackungshersteller. Das Unternehmen setzt zunehmend recycelte Materialien ein und arbeitet daran, seinen Energieverbrauch zu senken. Die KI erhält den Auftrag, daraus einen professionellen Text für die Nachhaltigkeitsseite zu formulieren, die Bemühungen positiv darzustellen und Vertrauen zu vermitteln.
Der KI-Entwurf:
Nachhaltigkeit ist ein fester Bestandteil unserer Unternehmensstrategie. Als verantwortungsbewusster Verpackungshersteller arbeiten wir kontinuierlich daran, unseren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf dem verstärkten Einsatz recycelter Materialien. Dadurch schonen wir wertvolle Ressourcen und leisten einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft. Gleichzeitig optimieren wir unsere Produktionsprozesse, um den Energieverbrauch zu senken und unsere Umweltbilanz langfristig zu verbessern. Mit diesen Maßnahmen verbinden wir wirtschaftlichen Erfolg mit ökologischer Verantwortung und gestalten die Zukunft der Verpackungsindustrie aktiv mit.
Der Text wurde für dieses fiktive Beispiel mit KI erstellt und unverändert übernommen.
Ein flüssiger Text, der auf den ersten Blick durchaus brauchbar erscheint. Die KI erfüllt ihren Auftrag: Sie stellt das Unternehmen positiv dar. Nur fehlen ihr die Informationen, um die Aussagen abzusichern.
Was behauptet der Text eigentlich?
Gleich der erste Satz verdient eine Rückfrage: „Nachhaltigkeit ist ein fester Bestandteil unserer Unternehmensstrategie.“ Ist das tatsächlich so? Gibt es verbindliche Ziele und Verantwortlichkeiten? Oder handelt es sich bislang um einzelne Initiativen? Auch die Behauptung, das Unternehmen gestalte „die Zukunft der Verpackungsindustrie aktiv mit“, geht weit über die Angaben im Briefing hinaus. Worin soll dieser Einfluss bestehen? Solche Sätze klingen überzeugend, enthalten aber Behauptungen, für die es zunächst keine Grundlage gibt. Kann das Unternehmen sie nicht belegen, würde ich sie streichen.
Wo sind die Belege?
„Dadurch schonen wir wertvolle Ressourcen und leisten einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft“, heißt es im Entwurf. Das mag zutreffen. Doch welche Materialien werden eingesetzt? Wie hoch ist der Recyclinganteil? Handelt es sich um Produktionsabfälle oder um Kunststoff, der nach der Nutzung gesammelt und wiederaufbereitet wurde? Auch beim Energieverbrauch fehlen konkrete Angaben. Wurden bereits Einsparungen erzielt? Wenn ja, in welchem Umfang und bezogen worauf?
Besonders kritisch ist die Formulierung „unseren ökologischen Fußabdruck reduzieren“. Sie kann den Eindruck vermitteln, das Unternehmen verbessere seine Umweltleistung insgesamt. Tatsächlich wissen wir nur von zwei Vorhaben: dem verstärkten Einsatz recycelter Materialien und Bemühungen zur Senkung des Energieverbrauchs. Ähnlich weitreichend ist das Versprechen, die „Umweltbilanz langfristig zu verbessern“.
Dabei gilt: Nicht jede weitreichende Formulierung ist automatisch unzulässig. Doch angesichts der neuen strengeren EU-Vorgaben für Umweltaussagen (EmpCo) müssen Unternehmen genauer darauf achten, dass ihre Kommunikation kein umfassenderes Bild vermittelt, als die Fakten hergeben.
Und wo bleibt die Geschichte?
Hinzu kommt ein redaktionelles Problem: Der Text ist austauschbar. Fast jeder Verpackungshersteller könnte ihn auf seiner Website veröffentlichen. Dabei könnte sich hinter den wenigen Informationen eine interessante Geschichte verbergen. Vielleicht musste eine Produktionsanlage umgerüstet werden, damit sie recyceltes Material verarbeiten kann. Welche Schwierigkeiten gab es dabei? Wie wurden sie gelöst? Das wissen wir nicht. Aus dem Briefing lässt sich diese Geschichte nicht entwickeln.
Hier beginnt für mich die eigentliche redaktionelle Arbeit: herauszufinden, was hinter den allgemeinen Aussagen steckt und welche Informationen für die Zielgruppe interessant sind.
Aus Behauptungen werden Informationen
Nehmen wir an, der Verpackungshersteller liefert auf Nachfrage folgende Daten: Der Anteil von Post-Consumer-Recyclat an der insgesamt eingesetzten Kunststoffmenge ist von 20 Prozent im Jahr 2023 auf 35 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Post-Consumer-Recyclat stammt aus Kunststoffprodukten, die bereits genutzt, gesammelt und wiederaufbereitet wurden. Für die eingesetzten Mengen liegen Einkaufsdaten und Lieferantennachweise vor. Außerdem hat das Unternehmen 2025 zwei seiner sechs Produktionsanlagen modernisiert. Interne Verbrauchsmessungen zeigen, dass diese Anlagen nach der Modernisierung je 1.000 produzierte Verpackungen 12 Prozent weniger Strom benötigten als im vergleichbaren Produktionszeitraum davor. Damit lässt sich arbeiten.
Die überarbeitete Fassung:
Mehr Recyclingmaterial, weniger Strom pro Verpackung
Zwischen 2023 und 2025 haben wir den Anteil von Post-Consumer-Recyclat an der insgesamt eingesetzten Kunststoffmenge von 20 auf 35 Prozent erhöht. Gleichzeitig haben wir zwei unserer sechs Produktionsanlagen modernisiert. Sie benötigen heute 12 Prozent weniger Strom je 1.000 produzierte Verpackungen als vor der Modernisierung.
Das Unternehmen und sämtliche Zahlen sind für dieses Beispiel frei erfunden.
Der Unterschied ist offensichtlich. Statt allgemeiner Versprechen enthält der Text konkrete Angaben. Er benennt Fortschritte, ohne daraus eine umfassende Verbesserung der Umweltleistung abzuleiten. Und er macht deutlich, worauf sich die Zahlen beziehen. Hätte das Unternehmen keine belastbaren Daten geliefert, wären die entsprechenden Aussagen ersatzlos gestrichen worden.
Allerdings ist auch diese Fassung noch keine besonders spannende Geschichte. Dafür müssten wir mehr erfahren: Warum hat das Unternehmen die Anlagen modernisiert? Welche Schwierigkeiten gab es? Und was bedeutet das für Kunden oder die Branche? Für eine Nachhaltigkeitsseite kann der sachliche Absatz seinen Zweck erfüllen. Für einen journalistischen Beitrag würde ich weiterrecherchieren.
Wenn die KI überzeugender schreibt, als die Fakten es erlauben
Mit einem ausführlicheren Briefing und belastbaren Daten hätte die KI möglicherweise schon beim ersten Versuch einen präziseren Text geliefert. Sie kann auch selbst kritische Rückfragen formulieren, sofern man sie dazu auffordert. Doch selbst ein gut formulierter KI-Entwurf muss redaktionell geprüft werden. Welche Aussagen sind durch die vorliegenden Informationen gedeckt? Wo braucht es zusätzliche Belege? Welche Formulierungen könnten einen falschen Eindruck erwecken? Und welche Behauptungen sollten besser ganz entfallen?
Das Problem ist nicht, dass KI schlechte Nachhaltigkeitstexte schreibt. Sondern dass sie überzeugende Texte über Dinge schreiben kann, von denen sie nichts weiß.
