„Wir müssen aufhören, in eine Richtung zu denken.“

Bertrand Piccard stand schon sehr lange auf meiner Liste mit Persönlichkeiten, die ich mal gerne treffen möchte. Weil er mich unglaublich inspiriert, begeistert und mir Mut gibt, meinen Weg zu gehen. Seine Bücher sind so tiefsinnig und intelligent, dass ich es kaum erwarten konnte, diesen derart vielseitig talentierten Visionär im Rahmen des 10. Deutschen Nachhaltigkeitstages live zu sehen. Am selben Abend erhielt er für seine kreative Kraft und den Mut in Sachen Nachhaltigkeit den NEA Honorary Award.

Dass er ein strahlendes Charisma hat, wusste ich schon. Selten habe ich jedoch jemanden erlebt, der solch eine Begeisterung versprüht, wie es Piccard tut. Seine Message ist so klar, dass dem nichts mehr hinzuzufügen ist. So habe ich mich entschlossen, die Keynote* minimal gekürzt hier wiederzugeben.

„Wenn wir von Nachhaltigkeit, von erneuerbaren Energien oder Energieeffizienz sprechen, müssen wir immer versuchen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wir müssen lernen, das alte Mentalitätsdenken abzulegen. Man hat es uns zwar so beigebracht, wir wurden so ausgebildet … Aber genau diese Art zu denken hat uns in die missliche Lage gebracht, in der wir uns heute befinden. Wegen unserer permanenten Angst vor dem Unbekannten, wegen dem Bedürfnis, immer alles kontrollieren zu wollen, haben wir ein Scheuklappendenken entwickelt. Also gehen wir nur geradeaus, bis wir an ein Hindernis stoßen. Dann geben wir dem Leben die Schuld, weil es so unfair zu uns ist, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen.

Wenn wir Pioniere sein wollen, wenn wir eine andere Zukunft erfinden wollen, wenn wir in der ganzen Krise, in der sich die Welt jetzt befindet, erfolgreich sein wollen, müssen wir aufhören, in eine Richtung zu denken, um alle Richtungen offen zu haben. Das ist Freiheit! Freiheit ist nicht, wenn wir alles tun können. Freiheit ist, wenn wir in absolut jede Richtung denken können.

Freiheit ist auch, wenn wir die alten Denkweisen und die Paradigmen identifizieren, die uns erfolglos machen und sie verändern. Heutzutage gibt es so viele Paradigmen, die wir ändern müssen. Eines der wichtigsten ist, dass die Ökologie bisher teuer und langweilig war und wir sie profitabel und spannend machen müssen.
Ein weiteres Paradigma war die Tatsache, dass die Ökologen lange nicht bereit waren, mit der Industrie zusammenzuarbeiten und umgekehrt. Es ist an der Zeit, dass wir Brücken zwischen den beiden schlagen. Wenn wir über Umweltschutz sprechen, müssen wir die Sprache der Wirtschaft, der Finanzen und der Industrie sprechen. Sonst werden wir bei der Umsetzung der Lösungen keine qualitativ zufriedenstellende Unterstützung haben. Die Welt hat alle Möglichkeiten offen.

„Freiheit ist, wenn wir in jede Richtung denken können.“

Um unsere Flughöhe zu ändern, müssen wir in der Lage sein, unsere Denkweise zu ändern – genau wie im Heißluftballon, wo man dafür Gewicht abwirft. Im Leben sind es alte Gewohnheiten oder Überzeugungen, die es abzulegen gilt. Wir müssen die Zukunft dreidimensional sehen und alle Optionen ausloten. Mehr noch: Wir müssen die Zukunft erforschen.

Stellen Sie sich vor, Sie fliegen in einem solarbetriebenen Flugzeug, wie ich es mit Solar Impulse getan habe. Sie betrachten die Sonne und Ihnen wird klar, dass sie die gesamte Energie für diesen Flug liefert. Ohne Umweltverschmutzung, ohne Lärm, ohne Treibstoff. Und plötzlich denken Sie: Wow, die Zukunft! Ich bin in einem Science-Fiction-Film! Dann aber leuchtet Ihnen ein: Das stimmt so nicht! Sie erkennen, dass Sie nicht in der Zukunft sind, sondern in der Gegenwart. Sie sind in dem, was die sauberen Technologien von heute ermöglichen. Und dann wiederum wird Ihnen klar, dass sich der Rest der Welt in der Vergangenheit befindet. Mit all diesen alten, umweltschädlichen Anlagen und Geräten, die wir heute noch verwenden, obwohl sie teilweise 150 Jahre alt sind: Verbrennungsmotoren, schlechte Hausisolierungen, völlig veraltete elektrische Heiz-, Kühl- und Beleuchtungssysteme, usw.

Warum wollen wir alle das modernste Smartphone, sind aber so zurückgeblieben, wenn es um neue Energietechnologien geht? Das ist doch wirklich merkwürdig! Denn wir verfügen bereits heute über Lösungen, die den Energieverbrauch der Welt und damit die CO2-Emissionen halbieren können. Die Lösungen gibt es. Heute. Nicht nur, um ein solargesteuertes Flugzeug fliegen zu lassen, sondern für alles, was mit Mobilität, Wohnbau, Industrie, Heizung, Beleuchtung usw. zu tun hat. Wir haben für alles die Lösungen! Aber wo sind sie? Genau das ist die Frage, die die Politik heutzutage stellen muss!

„Wir haben für alles die Lösungen!“

Wir haben beschlossen, unseren Erfolg mit Solar Impuls weiter auszubauen und ihn als Sprungbrett zu nutzen, um etwas noch nützlicheres zu schaffen. Deshalb haben wir die World Alliance für effiziente Lösungen gegründet. Denn was haben wir von den existierenden Lösungen, wenn sie irgendwo in Forschungslabors, an Universitäten, in Start-ups und manchmal auch in Großunternehmen herumliegen? All diese Lösungen – zur Erzeugung sauberer Energie, zur Steigerung der Energieeffizienz, zur Einsparung von Energie und natürlichen Ressourcen – können wir nicht nutzen, weil wir sie nicht kennen. Mit der World Alliance for Efficient Solutions wollen wir also diejenigen zusammenbringen, die Lösungen haben mit solchen, die sie implementieren wollen und können. Unser Ziel ist es, die ersten 1.000 Lösungen auszuwählen, die die Umwelt auf profitable Weise schützen. Mit diesem Wissen in petto wollen wir dann eine Welttour machen, diese 1.000 Lösungen an Regierungen und großen Konzernen bringen und ihnen aufzeigen, ja sogar beweisen, dass ihre Umweltziele viel ehrgeiziger sein könnten.

Statt Innovationen nur mit Subventionen und öffentlichen Geldern zu fördern ohne genau zu wissen, wie, wann und ob sie dann überhaupt implementiert wurden, sollten wir einen rechtlichen Rahmen schaffen, nach dem Innovationen zwingend umgesetzt werden müssen.

„Wir können die Welt verändern, indem wir der Industrie erlauben, das zu produzieren, was die Ökologie braucht.“

Genau, wir werden die Lösungen an den Markt bringen. Weil wir die Welt verändern können, indem wir der Industrie erlauben, das zu produzieren, was die Ökologie braucht. Das ist sauberes Wachstum! Anstatt einen schmutzigen Status quo zu haben, kann die Industrie ein sauberes Wachstum schaffen – nicht indem sie mehr von allem hat, sondern indem sie das Veraltete und Umweltschädliche durch etwas Sauberes, Modernes und Effizientes ersetzt. Die politische Welt braucht jetzt Pioniergeist.

Das letzte Bild, das ich während meiner Weltumrundung mit Ballon gemacht habe, zeigt eins der Bullaugen der Kapsel. Es ist gefroren durch die Feuchtigkeit der Nacht. Auf der anderen Seite sieht man die aufgehende Sonne. Aber wissen Sie was: Sie werden die aufgehende Sonne nie sehen, wenn Sie nicht zuerst durch das Eis gehen. Genau das ist es jedoch, wovor so viele Menschen Angst haben. Die meisten bleiben lieber im Eis, das sie kennen und leiden weiterhin unter den Problemen, die sie kennen, anstatt zu riskieren, unbekannte Wege zu gehen und zu sehen, was es auf der anderen Seite der Angst gibt.

Jedes Mal, wenn wir die Wahl zwischen unseren alten Gewohnheiten und dem Unbekannten haben und uns trotz Zweifel und vieler unbeantworteten Fragen im Kopf für das Ungewisse entscheiden, sind wir Pioniere, sind wir Entdecker. Wir sind diejenigen, die die Zukunft verändern und es sogar bereits tun, weil die Lösungen heute existieren und die Maßnahmen heute ergriffen werden können.

Jedes Mal, wenn wir die Entscheidung, ins Unbekannte zu gehen, ablehnen, sind wir nur Follower, einfach nur Anhänger. Wir sind arme Menschen, wir sind völlig nutzlos. Die Entscheidung, welchen Weg wir gehen wollen, müssen wir treffen. Ich hoffe, dass wir uns alle für den richtigen entscheiden. Viel Glück für alle!“

*Übersetzt aus dem Englischen: Sibylle Reuter